Interview mit Emily Bölk

Emily Charlot Bölk
Geburtstag: 26. April 1998
Aktueller Verein: Thüringer HC
Deutsche Nationalspielerin, Länderspiel-Debüt: 5. Juni 2016


Was gefällt dir am Handball am besten?

Emily: Eigentlich alles! Dass der Sport so viele Einzeldisziplinen vereint, dass das Training so abwechslungsreich ist, dass man auf allen Ebenen fit sein muss: Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Taktik, Technik. Dann natürlich auch, dass es ein Teamsport ist. Dass man immer mit Leuten unterwegs ist, dass man ganz viele verschiedene Menschen kennenlernen darf, dass man viel reist. Das ist auf der einen Seite natürlich sehr anstrengend, auf der anderen Seite sieht man unheimlich viel. Außerdem gefallen mir die Emotionen und die Atmosphäre in den Hallen.

Du hast gerade den Teamsport erwähnt. War das für dich immer wichtig?

Emily: Tatsächlich habe ich mich nicht bewusst für Handball entschieden, weil ich dann in einem Team spiele. Aber es ist natürlich etwas, was mich mein ganzes Leben lang schon prägt, was mir meine engsten und besten Freundschaften beschert hat. Es sind Ereignisse, Emotionen, Momente – im Optimalfall die erfolgreichen – die einen ein ganzes Leben lang verbinden. Von daher ist es schon etwas ganz Besonderes, was der Sport mit sich bringt.

Hast du früh auf einer festen Position gespielt?

Emily: Bis zur E-Jugend haben wir Mann-Deckung gespielt, also so, dass alle quer übers Spielfeld gelaufen sind. Danach war es so, dass ich als Rechtshänderin eher auf der linken Seite war. Aber ich habe auch immer einen Jahrgang höher mitgespielt, und da habe ich in der B-Jugend zum Beispiel auch links außen gespielt. Aber dann hat sich abgezeichnet, dass ich vielleicht ganz gut aus dem Rückraum werfen kann – ich bin ja auch nicht die Kleinste.

Du hast also früh bei den Älteren mitgespielt?

Emily: Ja, ich habe eigentlich immer bei den ein, zwei oder drei Jahre Älteren mitgespielt.

War das schwierig, bei den größeren Mädchen deinen Platz zu finden?

Emily: Eigentlich nicht. Ich kannte das nicht anders und hatte dort Freunde. Außerdem hatte ich das Glück, dass ich immer in einem sehr leistungsstarken, talentierten Jahrgang mitgespielt habe. Die Leistung hat gepasst, daher gab es keinen Stress.

Wenn wir jetzt mal besonders auf die Mädchen schauen: Glaubst du, dass Mädchen vom Handballspielen in ihrer Entwicklung besonders profitieren können?

Emily: Ich kann das nicht im Vergleich zu anderen Sportarten beurteilen. Aber ich würde prinzipiell schon sagen, dass Sport an sich auf jeden Fall einen positiven Einfluss auf Kinder und Jugendliche hat. Erstens ist er gesund. Zweitens bilden sich da extrem enge Freundschaften bei Spielen und Turnieren.

Wenn man sich entscheidet, dass zu 100 Prozent zu machen, so wie es auch bei mir war, dann muss man natürlich auch auf sehr viel verzichten. Ich konnte nicht jedes Wochenende feiern gehen, ich konnte nicht auf jeden Geburtstag, ich konnte mich nicht jeden Tag frei mit Schulfreunden verabreden, weil ich Training hatte.

Aber in Summe würde ich schon hoffen, dass sich auch meine Kinder später einmal für eine Sportart entscheiden und für das Erlebnis im Team. Ich kenne auch viele, die nicht so hochklassig spielen, die Handball der Menschen wegen spielen. Man sagt ja auch oft, dass Sportler vielleicht ein bisschen lockerer, ein bisschen offener sind. Da bilden sich auch schon früh etwa bei Turnieren geschlechterunabhängige Freundschaften, man ist immer in einer Gruppe zusammen, das ist auf jeden Fall förderlich.

Fotos: Sascha Klahn

Handball ist ja ein sehr körperbetonter Sport. Tut das Mädchen gut?

Emily: Wenn man fit und gut trainiert ist, in den Kraftraum geht, dann fühlt man sich vielleicht auch stärker. Aber prinzipiell muss der Spaß im Vordergrund stehen, dann hat das viele positive Effekte.

Mit 16 Jahren bist du als beste Nachwuchsspielerin in Deutschland ausgezeichnet worden. Wie hat sich das angefühlt? Pures Glück oder auch riesiger Erwartungsdruck?

Emily: Tatsächlich wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass es einen solchen Preis gibt. Von daher war das damals sehr überraschend, aber ich habe mich sehr gefreut. Auch darüber, dass ich persönlich eine Auszeichnung bekommen habe. Das ist ja im Teamsport sonst nicht üblich. Extra Druck habe ich aber nicht empfunden, ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, dass mich jetzt vielleicht noch mehr Leute auf dem Schirm haben. Denn ich habe damals schon in der Bundesliga gespielt, das war in dem Alter ohnehin etwas Besonderes. Der Preis war einfach eine schöne Bestätigung.

Wie früh war dir klar, dass Handball mehr als ein ehrgeiziges Hobby für dich ist?

Emily: Eigentlich schon immer. Ich hatte nie die bewusste Entscheidung, jetzt nimmt das eine professioneller Ebene an. Das war ein fließender Übergang. Ich wollte schon immer jedes Spiel gewinnen. Ich hatte nie den Punkt, an dem mir der Handball keinen Spaß mehr gemacht hat. Und ich hatte schon von klein auf den Traum, für die Bundesliga zu spielen und für die Nationalmannschaft aufzulaufen.

War es denn für dich schwer, Handball und Schule unter einen Hut zu bekommen?

Emily: Hätte ich keinen Handball gespielt, wäre mein Abitur sicherlich etwas besser ausgefallen. Aber ich glaube, im Großen und Ganzen habe ich das schon recht gut gemeistert. Mir ist Lernen eigentlich nie schwer gefallen, ich war immer eine recht gute Schülerin.

Es war teilweise aber schon sehr kräftezehrend, nicht alle Lehrer haben das unterstützt und waren damit einverstanden, dass ich so oft wegen der Spiele gefehlt habe. Ich musste viel in relativ kurzer Zeit nacharbeiten. Die zwei Jahre Abitur waren am härtesten, weil ich dann schon Bundesliga gespielt habe und mit Buxtehude international unterwegs war.

In der Bundesliga machen ja wir alle Reisen mit dem Bus. Da sind wir morgens zum Beispiel um 6 Uhr wieder zu Hause angekommen, ich habe mich eine Stunde hingelegt und bin dann in die Schule gegangen. Das war teilweise schon heftig. Aber ich würde es immer wieder so machen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat während der Weltmeisterschaft in Japan geschrieben, dass du gerade den Schritt zum internationalen Star vollziehst. Und euer Sieg gegen Dänemark – der erste nach 19 Jahren – war der Tagesschau um 20 Uhr einen langen Bericht wert. Wie fühlt sich das an?

Emily: Von dem Bericht der Frankfurter Allgemeinen wusste ich noch gar nichts, ist aber natürlich schön zu hören. In Summe muss man sagen, dass unsere Vorrunde absolut über den Erwartungen war. Wir haben sehr, sehr gut gespielt. Bis auf das Australien-Spiel war für uns schon in der Vorrunde jedes Spiel ein Endspiel. Deshalb freut es mich natürlich um so mehr, dass ich meine Position – zusätzlich durch den Ausfall von Xenia Smits – gut bekleiden und meine Leistung abrufen konnte. Wenn die Leistung vom Team mediale Aufmerksamkeit bekommt und wir aus Deutschland positives Feedback für unsere Spielweise bekommen, dann ist das extrem schön, ein tolles Gefühl.

Fotos: Sascha Klahn (Nationalmannschaft), Franziska Braun (THC)

Du warst mit 37 Treffern zusammen mit Julia Behnke die beste deutsche Werferin bei der WM. Am Ende aber flossen Tränen, weil ihr die Chance auf die Olympiaqualifikation verpasst habt. Wie gehst du mit diesen großen Gefühlen um?

Emily: Ich bin ein sehr, sehr emotionaler Mensch, ob im Sport oder privat. Da kann ich bei großen Erfolgen oder Niederlagen nur schwerlich die Tränen zurückhalten oder die Emotionen verbergen.

Aber Handball ist ja auch ein emotionaler Sport. Und wenn uns das alles nicht so sehr weh getan hätte, dann wären wir auch falsch ausgewählt worden, Deutschland bei der Weltmeisterschaft zu vertreten. Erfolge und Niederlagen gehören zum Sport immer dazu. Ist natürlich sehr bitter, dass das jetzt so knapp war – trotz echt guter Leistung zu Beginn der WM.

In Deutschland geht es jetzt schnell in den Vereinen weiter, dann kommt die EM-Quali dieses Jahr. Man kann sich gar nicht so lange mit einer Sache aufhalten.

Wenn dich junge Spielerinnen oder Spieler fragen, was das Wichtigste ist, um erfolgreich Handball zu spielen. Was sagst du dann?

Emily: Auf jeden Fall muss der Spaß immer an erster Stelle stehen, vor allem für junge Leute. Nur, wenn es richtig Spaß macht, möchte man auch Sachen aufgeben, um dem Handball die Energie und die Konzentration zu geben, die es benötigt, um richtig gut zu werden.

Dann muss man natürlich fleißig sein, fleißig trainieren, den Mut haben, neue Sachen auszuprobieren, sich mit Besseren messen, gucken, wo stehe ich, was kann ich noch besser machen, sich Vorbilder suchen und Dinge nachmachen. Das mache ich bis heute. Es gibt immer noch Sachen, die ich lernen und verbessern möchte. Aber das alles kann man nur über eine so lange Zeit diszipliniert durchziehen, wenn man Spaß daran hat und eine Leidenschaft für den Sport.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Emily: Dass ich verletzungsfrei bleibe, dass ich mich weiterentwickeln kann, dass ich hoffentlich den einen oder anderen Erfolg feiern kann – sowohl mit der Nationalmannschaft als auch mit dem THC oder persönlich.

Alina, Emily und Floria

Auch zwei unserer Spielerinnen hatten die Gelegenheit, Emily einige Fragen zu stellen:

Alina: Hattest du jemals das Gefühl, dass du es nicht schaffst, deinen Traum zu verwirklichen?

Emily: Wenn du so einen langfristigen Traum meinst wie das Spielen in der Bundesliga oder Nationalspielerin werden, dann nein. Man hat immer noch Zeit, kann sich immer weiter entwickeln, man muss nur immer dran bleiben, an sich glauben und fleißig sein.

Alina: Was waren deine Stationen bis zur Nationalmannschaft?

Emily: Handballspielen habe ich begonnen beim Buxtehuder SV, in Buxtehude bin ich auch geboren. Dort habe ich gespielt, bis ich 14 Jahre alt war. Dann bin ich ein Jahr nach Dänemark gegangen, auf ein Sportinternat. Danach bin ich zurück nach Buxtehude gekommen, habe dort in der ersten Mannschaft vier Jahre lang in der Bundesliga gespielt. 2018 bin ich dann nach Erfurt gewechselt und spiele dort jetzt in meinem zweiten Jahr beim Thüringer HC.

Alina: Wie oft tragt ihr eure Trikots von der Nationalmannschaft? Und was macht ihr mit den Trikots, wenn sie voller Harz sind?

Emily: Wir bekommen nicht wie die Fußballer nach jedem Spiel ein neues Trikot-Paar und können die alten weggeben. Das ist leider nicht der Fall. Die Trikots vom DHB waschen wir auch nicht selbst, und was der DHB mit dem Harz macht, weiß ich gar nicht. Früher gab es ein tolles Spray, mit dem man den Harz aus den Trikots bekommen hat, aber das gibt es leider nicht mehr.

Floria: Was war deine schlimmste Verletzung?

Emily: Bisher hatte ich zum Glück noch nicht so schlimme Verletzungen. Ich hatte schon drei Bänderrisse am Fuß. Ich hatte auch mal einen Mittelhandbruch an der linken Hand. Und ich war auch mal drei Monate raus, weil ich eine Überlastung in der Schulter hatte. Aber ansonsten noch keine OP, nichts wirklich Schlimmes. Ich hoffe, dass es so bleibt.

Floria: Wie oft trainierst du?

Emily: Ich trainiere jeden Tag, meistens auch zwei Mal am Tag. Dann habe ich mindestens ein Spiel in der Woche. Da wir im Moment Bundesliga, den Pokal und international spielen, haben wir sogar zwei Spiele in der Woche.

Floria: Hast du schon mal den Kempa-Trick ausprobiert?

Emily: Ja! Das sind so Sachen, die mir besonders Spaß machen. So etwas wertet ein Spiel auf. Das übe ich gerne mit meinen Mitspielerinnen, auch nach dem Training. Das finde ich immer sehr cool.


Stand: Januar 2020

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